DBV
1 Landwirtschaft und Gesamtwirtschaft

1.4 Ernährungswirtschaft

Ernährungsindustrie ist ein starker Zweig der deutschen Wirtschaft 
Die deutsche Ernährungsindustrie, die die landwirtschaftlichen Erzeugnisse be- und verarbeitet, erreichte 2015 einen Umsatz von 168,6 Milliarden Euro (minus 2,1 Prozent gegenüber 2014). Während die Exporte weiter gesteigert werden konnten (+ 1,9 Prozent), ging das Inlandsgeschäft deutlich zurück (- 3,9 Prozent). Gründe dafür sind vor allem der starke internationale Preisdruck, der harte Wettbewerb sowie die hohe Marktkonzentration im deutschen Einzelhandel. Die Ernährungsindustrie ist der drittgrößte deutsche Gewerbezweig nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. 2015 waren in 5.812 Betrieben der Ernährungsindustrie 569.200 Menschen beschäftigt. Die deutsche Lebensmittelindustrie ist die umsatzstärkste in Europa. Mit insgesamt 170.000 verschiedenen Produkten gibt es kaum ein Produktsegment, das nicht in Deutschland hergestellt wird.
 
Deutsche Lebensmittel gefragt
In den ersten neun Monaten des Jahres 2016 sind die Umsätze gegenüber dem entsprechenden Vorjahresstand leicht gestiegen (+ 1 Prozent). Besonders das Auslandsgeschäft nahm zu (+1,7 Prozent). Der Export hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt und trägt heute (2015) rund 33 Prozent zum Gesamtumsatz bei. 2005 lag der Anteil noch bei rund 22 Prozent. Sichere, qualitativ hochwertige Lebensmittel sind ein Markenzeichen im Export. 79 Prozent der deutschen Lebensmittelexporte werden im europäischen Binnenmarkt abgesetzt. Besonders gefragt sind deutsche Süß-, Backwaren, Fleisch- und Milchprodukte.
 
Ernährungsindustrie ist trotz Konzentrationsprozessen mittelständisch strukturiert 
Angesichts der dominanten Marktposition des Lebensmittelhandels kann die Ernährungsindustrie gestiegene Kosten häufig nur schwer auf die Verkaufspreise überwälzen. Die Konzentration der Unternehmen der Ernährungsindustrie hat zwar weiter zugenommen, ist aber im Vergleich zum Lebensmitteleinzelhandel oder zu anderen Wirtschaftsbereichen weiterhin relativ gering. Die Branche ist zu 95 Prozent durch kleine und mittlere Unternehmen geprägt, was nach Definition Unternehmen mit bis zu 50 Millionen Euro Jahresumsatz sind. Die deutsche Ernährungsindustrie ist somit traditionell mittelständisch geprägt – mit einem Umsatzdurchschnitt je Betrieb von rund 29,0 Millionen Euro. Die 10 größten Unternehmen vereinigen nur etwa 15 Prozent des Branchenumsatzes auf sich.
 
Immer weniger Bäckereien und Fleischereien 
Die Zahl der Bäckereien und Fleischereien geht weiter zurück. 2015 wurden in der Betriebsstatistik des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) insgesamt 12.155 Bäckereien gezählt. 2005 waren es noch 16.741 Betriebe. Für das Fleischerhandwerk verzeichnet die Statistik für 2015 14.448 Betriebe. Zehn Jahre zuvor lag diese Zahl noch bei 19.580. Rückläufig ist auch die Zahl der Beschäftigten im Bäcker- und Fleischerhandwerk. Deren Zahl wird für 2015 mit rund 484.000 angegeben. Vor 20 Jahren waren noch mehr als 530.000 Menschen in diesem Sektor tätig. Gründe für diese Entwicklung sind komplexer werdende Rahmenbedingungen für Unternehmer im Lebensmittelhandwerk und ein harter Wettbewerb, insbesondere mit dem Lebensmitteleinzelhandel.
 
Strukturwandel bei den Raiffeisen-Genossenschaften 
Die Raiffeisen-Genossenschaften sind mit ihren 82.000 Beschäftigten Marktpartner von Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Lebensmittelhandel. Ihre Zahl ist über die Jahre deutlich rückläufig und vor allem dem Fusions- und Kooperationsbestreben der Unternehmen geschuldet. Die 2.250 Raiffeisen- Genossenschaften einschließlich Hauptgenossenschaften erzielten 2015 einen Umsatz von 61,7 Milliarden Euro. Das sind gegenüber dem Vorjahr 7,1 Prozent weniger. Gründe für diesen Umsatzeinbruch waren deutliche Preisrückgänge bei pflanzlichen und tierischen Rohstoffen sowie bei Futtermitteln und Mineralölprodukten. Umsatzstärkste Sparten sind mit 36,1 Milliarden Euro die Warenwirtschaft, die Milchwirtschaft mit 12,4 Milliarden Euro und die Vieh- und Fleischwirtschaft mit 6,2 Milliarden Euro. Ausgehend von rund 280.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland und rund 513.000 Mitgliedschaften von Landwirten, Winzern und Gärtnern ist statistisch betrachtet jeder Betrieb an nahezu zwei Genossenschaften beteiligt.
 
Fleischbranche mit einem Umsatz von 39,7 Milliarden Euro 
Der Umsatz der Fleischbranche mit ihren 106.100 Beschäftigten betrug in 2015 39,7 Milliarden Euro, davon 10,4 Milliarden Euro oder 26,2 Prozent im Auslandsgeschäft. Die Fleischbranche macht mit ihrem Umsatz fast ein Viertel (23,5 Prozent) des Gesamtumsatzes des deutschen Ernährungsgewerbes aus.
 
Immer weniger Schlachtunternehmen beliefern den Markt 
Die Konzentration in der Fleischbranche schreitet weiter fort. Die drei größten Schlachtunternehmen – Tönnies, Vion und Westfleisch – schlachten mittlerweile gut die Hälfte (55 Prozent) aller Schweine in Deutschland. Das Gesamt-Ranking der Fleisch- und Fleischwarenunternehmen führt mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz (2015) die Tönnies-Gruppe an. Nach der Übernahme des dänischen Schlachtunternehmens Tican rückwirkend zum 1. Oktober 2015 rechnet Tönnies für das Jahr 2016 mit einem Umsatz von 6,3 Milliarden Euro. An zweiter Stelle rangiert die Vion-Gruppe mit 4,6 Milliarden Euro (2015). Auf den weiteren Plätzen folgen die Westfleisch und die PHW-Gruppe mit jeweils rund 2,4 Milliarden Euro.
 
Handelsketten mit Fleischwerken
Die Konzentration kommt auch darin zum Ausdruck, dass viele Schlachtunternehmen durchgehende Verarbeitungsketten vom Lebendtier bis zum verpackten Frischfleisch oder zur Wurst aufgebaut haben. Bedeutende Akteure sind mittlerweile die Fleischwerke des Handels. Spitzenreiter ist Kaufland mit einem Jahresumsatz von 839 Millionen Euro. EDEKA kommt mit ihren 13 Fleischwerken in sieben Regionen in 2015 auf einen Gesamtumsatz von 2,65 Milliarden Euro.
 
Molkereibranche ist im Umbruch
Im Ranking der weltweit größten Milchverarbeiter hat Müller durch den Kauf der britischen Molkerei Dairy Crest einen Sprung nach oben gemacht, und zwar auf Rang 14. Damit bleibt Müller Milch hinter dem größten deutschen Unternehmen im Ranking, dem Deutschen Milchkontor (DMK). Das Milchkontor landet im weltweiten Vergleich für Jahr 2015 auf Rang 8. Rund ein Viertel der weltweit erfassten Milch wurde 2015 von den 20 größten Molkereien verarbeitet.
 
Milchwirtschaft wächst über den Export 
Die deutsche Milchwirtschaft ist mit einem Umsatz von 23,5 Milliarden Euro (ohne Speiseeis) und rund 37.400 Beschäftigten (2015) die zweitgrößte Sparte der deutschen Ernährungsindustrie. 34 Prozent der Umsätze werden über den Export erwirtschaftet, Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte der Milch wird von genossenschaftlichen Unternehmen verarbeitet. Die Zahl der Milch verarbeitenden Unternehmen in Deutschland hat im Zeitverlauf stark abgenommen. 2015 gab es noch 148 Milch verarbeitende Unternehmen mit mindestens 50 Beschäftigten. Täglich werden von den deutschen Molkereien zusammen rund 86.300 Tonnen Milch zu hochwertigen Lebensmitteln verarbeitet.
 
Mühlenbranche mit rasantem Strukturwandel 
Mit rund 6.000 Beschäftigten erwirtschaftete die Mühlenbranche im Wirtschaftsjahr 2014/15 einen Jahresumsatz von rund 2,75 Milliarden Euro. Die Mühlen vermahlen jährlich etwa ein Drittel der deutschen Weizen- und Roggenernte. Der Trend zu größeren Mühlen-Einheiten hält an. 1950/51 gab es in Deutschland 18.935 Mühlen, heute sind es noch 550 Mühlen, davon 214, die mindestens 1.000 Tonnen vermahlen. 45 große Mühlen mit einer Jahresvermahlung von 50.000 Tonnen und mehr haben einen Anteil an der Gesamtvermarktung von über 80 Prozent. Mit rund 8,7 Millionen Tonnen Getreide (2014/15), davon 8,3 Millionen Tonnen Brotgetreide, beliefern die Mühlen Backgewerbe und Lebensmittelindustrie, Handel und Verbraucher. Knapp 13 Prozent der Mahlerzeugnisse werden exportiert. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Mühlen gehen 30 Prozent der Erzeugnisse an Handwerksbäcker, 55 Prozent an Betriebe der Backwaren- und Lebensmittelindustrie, 10 Prozent an Spezialverarbeiter wie Teig- und Nudelwarenhersteller und nur etwa 5 Prozent an den Endverbraucher. Mühlennachprodukte, wie Kleie oder Nachmehle, werden zu Futtermitteln verarbeitet.
 
Deutsche Zuckerwirtschaft wird von vier Unternehmen bestimmt 
Von 61 Unternehmen der Zuckerindustrie in den Jahren 1950/51 existieren heute noch vier mit insgesamt 20 Fabriken, rund 5.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 2,6 Milliarden Euro (2015). Die Südzucker AG in Mannheim, die Nordzucker AG in Braunschweig, Pfeifer & Langen KG in Köln und die niederländische Suiker Unie GmbH mit der Zuckerfabrik in Anklam teilen sich den deutschen Markt. 29.500 Landwirte beliefern diese Unternehmen mit Zuckerrüben. Auch in Europa sind die drei verbliebenen deutschen Unternehmen führend und produzieren fast die Hälfte des EU-Zuckers. Weltmarktführer und Marktführer in der EU mit 29 Zuckerfabriken und 2 Raffinerien ist die Südzucker-Gruppe mit einer Zuckerproduktion in der Kampagne 2015/16 von 4,1 Millionen Tonnen. Vom Gesamtumsatz des Südzuckerkonzerns in Höhe von 6,4 Milliarden Euro (2015/16) entfallen 2,9 Milliarden Euro auf den Zuckerbereich. Etwa 89 Prozent der deutschen Zuckererzeugung geht an die Zucker verarbeitende Industrie, das Handwerk und die chemische Industrie. 11 Prozent werden als Haushaltszucker über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft.
 
Deutsche Brauereien relativ kleinstrukturiert 
In 1.388 Braustätten in Deutschland mit ihren 26.900 Beschäftigten wurden 2015 rund 5.000 Biersorten gebraut. Der Bierausstoß lag bei 95,6 Millionen Hektolitern, der Umsatz bei 7,8 Milliarden Euro. 17 Prozent der deutschen Bierproduktion werden exportiert. Der Pro-Kopf- Verbrauch bei Bier ist in den letzten Jahren zurückgegangen und lag 2015 bei 105,9 Litern pro Person. Weltweit stehen deutsche Brauereien beim Bierausstoß an vierter Stelle hinter China, den USA und Brasilien, in Europa ist sie führend. Ein regionaler Schwerpunkt der Biererzeugung liegt in Bayern, wo sich fast jede zweite Braustätte befindet. Unter den vierzig größten Brauereien der Welt befinden sich sieben deutsche Gruppen: Die Radeberger- Gruppe belegt als größtes deutsches Unternehmen Platz 23. Weltmarktführer ist die in Belgien ansässige Brauereigruppe AB Inbev, die 21,2 Prozent der weltweiten Bierproduktion herstellt, gefolgt von SAB Miller (UK) mit 9,9 Prozent (2015). Mitte Oktober 2016 hat AB Inbev SAB Miller übernommen. Heineken (NL) ist mit 9,7 Prozent der bislang weltweit drittgrößte Bierproduzent. Die sieben größten deutschen Brauereien machen zusammen dagegen nur einen Weltmarktanteil von 2,7 Prozent aus.
 

 

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