DBV
2 Ressourcenschutz in der Landwirtschaft

2.3 Moderne Tierhaltung

Technischer Fortschritt mit wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Vorteilen 
Die Tierhaltung von heute in modernen, gut durchlüfteten, klimatisierten und hellen Ställen hat mit der Tierhaltung früherer Jahrzehnte in muffigen, zugigen, dunklen und beengten Ställen nichts gemein. So dominieren heute in der Milchviehhaltung Lauf- und Offenställe. Dank der Möglichkeiten der Digitalisierung werden die Haltungsbedingungen und das Wohlbefinden der Nutztiere spürbar und dauerhaft verbessert. Was sich dem Mensch früher verschloss oder von ihm im direkten Kontakt mit dem Tier subjektiv wahrgenommen wurde, lässt sich heute objektiv erfassen, für die Steuerung und Kontrolle der Produktionsprozesse nutzen und die Entscheidungsgrundlagen verbessern. Die nachstehend aufgezeigten Entwicklungen moderner Tierhaltung basieren auf Ausarbeitungen des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) und gehen besonders auf die Entwicklungen in der Milchviehhaltung ein.
 
Investitionen fördern das Tierwohl 
Investitionstätigkeiten sind wichtige Voraussetzung für Erneuerungen in der Tierhaltung. Jeder neue Stall bringt eine Verbesserung der Haltungstechnik und fördert das Tierwohl. Auch verbessern neue Investitionen die Umweltsituation. Wenn derartige Investitionen gefördert werden, können die Potenziale der technischen Innovationen noch stärker genutzt und die Haltung der Tiere an sich ändernde Anforderungen schneller angepasst werden. Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Investitionsbereitschaft in der deutschen Milchvieh- und Schweinehaltung 2015 und 2016 deutlich gesunken. Dies wird zum einen mit der schlechten Marktlage und zum anderen mit den erhöhten Bau- und Umweltanforderungen begründet.
 
Züchtung hebt immer mehr auf Gesundheit und Fitness der Tiere ab 
Die Tierzucht konzentriert sich neben der Steigerung der Lebensleistung vor allem auf die Zuchtziele Tiergesundheit, Robustheit und Langlebigkeit. Beispiel Milchkuh: Die Gesundheit und Fitness der Kuh wird bei den Zuchtzielen mit 55 Prozent stärker gewichtet als die Milchleistung. Ähnlich sieht es bei Schweinen und Geflügel aus. Hier sind neben Fitness und Leistung die Gesundheit, das Sozialverhalten und die Krankheitsresistenz der Tiere wichtige Zuchtziele. Tiergesundheitsindikatoren zeigen, dass es den Tieren besser geht als früher. Die Verlustrate ist in der Schweinemast von 4,1 Prozent im Jahr 2004/05 auf 2,6 Prozent im Jahr 2014/15 gesunken, und auch in der Ferkelerzeugung sanken die Verluste trotz steigender Ferkelzahlen. Bei gestiegener Lebensleistung ist die Nutzungsdauer von Kühen in den letzten Jahren gestiegen.
 
Grundbedürfnisse der Tiere im Mittelpunkt – Beispiel Milchkühe 
Die Haltung von Nutztieren in Deutschland orientiert sich zunehmend an den Grundbedürfnissen der Tiere. Bei Milchkühen konkret heißt das, dass inzwischen fast drei Viertel der Rinder in Deutschland in offenen Boxenlaufställen gehalten werden. Dort können sich die Kühe in einer licht- und luftdurchfluteten Atmosphäre frei bewegen und ihr natürliches Herdenverhalten ausleben. Planung und Bau von modernen Laufställen erfolgen heutzutage unter der Prämisse, die Vorteile einer Weide in den Stall zu holen und die Nachteile draußen zu lassen. „Kuhkomfort“ ist ein gängiger Fachbegriff unter Architekten, Stallausrüstern und Milchviehhaltern.
 
Automatisierung in der Milchviehhaltung nimmt rasant zu 
Die Arbeiten in der Tierhaltung werden zunehmend automatisiert. Im Stall sind automatisierte Systeme schon weit verbreitet. Dazu gehören Melkroboter, sensorgestützte Abruffütterungen oder automatische Fütterungssysteme. Auch kommen bereits Roboter zur Vorlage des Grundfutters, zum Reinigen der Laufflächen und zum Umsetzen von Weidezäunen zum Einsatz. Das Melken über Automatische Melksysteme (AMS) hat dabei eine rasante Entwicklung erfahren. 2016 waren in Deutschland ca. 7.800 Melkroboter in 5.500 Betrieben im Einsatz. Melkroboter gehören seit Jahren zum Stand der Technik, bei einem Neukauf entscheiden sich mittlerweile zwei von drei Milchviehhaltern für ein Automatisches Melksystem.
 
Arbeit wird durch moderne Technik ersetzt 
Die Wirtschaftlichkeit neuer Stalltechnik wird von dem häufig höheren Investitionsbedarf und dem geringeren Arbeitsaufwand bestimmt. Nach einer Analyse des KTBL führt der Einsatz Automatischer Melksysteme zu einer höheren Milchmenge von durchschnittlich 7 Prozent. Gleichzeitig nimmt die Arbeitsproduktivität deutlich zu. Steigende Leistungen und Arbeitszeiteinsparungen haben den Arbeitszeitbedarf bezogen auf einen Liter Milch seit 1970 um rund 90 Prozent reduziert. Werden zukünftig neben den automatischen Melksystemen auch vermehrt automatische Fütterungssysteme, Spaltenreinigungsroboter und autonome Geräte zum Einstreuen der Liegeboxen eingesetzt, reduziert sich der Arbeitszeitbedarf weiter. Auch durch Fortschritte in der Tierzucht und in der Fütterung wird mehr Milch je Arbeitskraftstunde erzeugt werden können.
 
Was Sensoren über die Tiere erfahren 
Sowohl Prozessdaten der technischen Anlagen im Stall (z.B. Melkanlage, Fütterungs- und Lüftungsanlage) als auch tierspezifische Daten (z.B. Bewegung, Fress- und Tieraktivität, Tierlaute) können mittlerweile mit einer Vielzahl von Sensoren erfasst werden. Das Tier selbst rückt bei verschiedenen Gesundheits- und Verhaltensmonitoring- Ansätzen in den Mittelpunkt. Die sensorgestützte Überwachung der Sau in der Abferkelbucht zum Beispiel ermöglicht die Früherkennung von Geburten oder von problematischen Situationen für Ferkel und Sau. Das über Datenerfassung und -verarbeitung generierte „neue“ Wissen dient der Steuerung, Kontrolle, Optimierung und Automatisierung der Prozesse und dem Landwirt als unmittelbare Entscheidungsgrundlage. Es führt zu weiterer Effizienzsteigerung und trägt dazu bei, die Umwelt stärker zu schonen und das Tierwohl zu fördern.
 
Automatische Melksysteme 
Bei einem automatischen Melksystem (AMS, auch Melkroboter genannt) wird das Melkgeschirr ohne jegliche manuelle Hilfe mit Erkennungssystemen auf Basis von Ultraschall, Laser und optischen Sensoren an das Euter der Kuh angesetzt. Hauptvorteile von Automatischen Melksystemen gegenüber konventioneller Melktechnik sind weniger körperliche Arbeit, große zeitliche Flexibilität für Mensch und Tier, Einsparung von Melkzeit, umfangreiche Datenerfassung zur besseren Kontrolle der Tiergesundheit, verbesserter Komfort für Tier und Mensch und optimaler Herdenüberblick. Diesen Vorteilen stehen insbesondere hohe Investitionskosten gegenüber.
 
Die beim Melken von Sensoren erfassten Daten lassen umfangreiche Schlüsse auf Tiergesundheit und Management zu. Parameter, die von automatischen Melksystemen erhoben werden sind Milchmenge, Milchfluss, Zeit bis Milchfluss, Melkdauer, elektrische Leitfähigkeit, Blut, Milchfarbe, Zellzahlstufe, Zellzahl, Fettgehalt, Eiweißgehalt, Harnstoffgehalt, Progesterongehalt und Melkzeitpunkt. Durch Verknüpfung der einzelnen Parameter kann die Aussagekraft von Analysen wesentlich erhöht werden.
 
Quelle: KTBL
 
Tierwohl rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Betrachtungen 
Die Beziehung des Tierhalters zum Tier unterliegt einem Wandel. Über Jahrzehnte stand die Tiergesundheit im Vordergrund. Gute Leistungen der Tiere galten als wesentliches Indiz dafür, dass die Nutztiere gesund sind und tiergerecht gehalten werden. Wurden zudem die rechtlichen Vorgaben, z. B. hinsichtlich Platzangebot, eingehalten, galt das als Garant für tiergerechte Haltungsbedingungen. Heute stehen dank Forschung Indikatoren zur Verfügung, mit denen die Tierhalter am Tier messen können, wie es dem Tier geht. Die Wissenschaft geht den Schritt, nicht die Tiergerechtheit sondern das Tierwohl in den Mittelpunkt ihrer Forschungsaktivitäten zu rücken. Dabei ändert sich die Betrachtungsweise: Die Tiere sollen nicht nur frei von Schmerzen, Leiden und Ängsten sein, sondern sich auch wohlfühlen. Intensiv werden positive Verhaltens- und Körperkriterien erforscht, mit denen sich das Tierwohl beurteilen lässt.
 
Einschätzungen von Tierhaltern 
Tierhalter stufen unabhängig von ihrer Wirtschaftsweise die Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Tiere und den tierfreundlicheren Umgang als besonders wichtig für das Tierwohl ein. Sie halten derartige Maßnahmen auch für relativ leicht umsetzbar. Die Befragungsergebnisse der Universität Göttingen unter 1.032 Tierhaltern aus 2015 zeigen zudem, dass ökologisch wirtschaftende Betriebe die Wichtigkeit der abgefragten Tierwohlmaßnahmen in der Regel etwas höher einschätzen und ihre Umsetzbarkeit leichter gewährleistet sehen.
 
Tierwohl wird weiter verbessert 
Die aktuellen technischen Herausforderungen in der Förderung von Tierwohl liegen weniger in der reinen technischen Entwicklung von Sensorik, sondern eher in der Aufbereitung und Nutzbarmachung der anfallenden Daten. Intelligente Dateninfrastrukturen sowie aussagekräftige Auswertungsalgorithmen sind in der Entwicklung zu Wissenssystemen, die das Tierwohl weiter verbessern. Mit permanent erfassten und ausgewerteten Gesundheitsparametern wird der Tierhalter in die Lage versetzt, im Bedarfsfall per Handy informiert zu werden, um darauf sofort reagieren zu können. Damit bekommt „das Auge des Herrn“ eine noch größere Bedeutung zu. Die Anforderungen an die fachliche Kompetenz der Landwirte steigen weiter.
 
Umweltschutz und Tierwohl im Zielkonflikt 
Bei Neubauten für Milchvieh wird heute überwiegend in Laufställe investiert. Diese Ställe bieten den Tieren Außenklimabedingungen und freie Bewegungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt deshalb werden sie als tiergerechter als die Anbindehaltung bewertet. Der Rückgang der Anbindehaltung ist vor allem in der Wirtschaftlichkeit begründet. Wird ein Tierplatz in einem Anbindestall durch einen Platz in einem Laufstall mit Liegeboxen ersetzt, steigen die Emissionen nach KTBL-Berechnungen von 4 kg Ammoniak-Stickstoff pro Tierplatz und Jahr auf 12 kg Ammoniak-Stickstoff. Dies ist ein Beispiel für einen Zielkonflikt zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen „mehr Tierwohl“ und „mehr Umweltschutz“, mit dem sich Politik, Gesetzgeber und Landwirte auseinandersetzen müssen. Ein weiteres Beispiel für diesen Interessenkonflikt sind frei gelüftete Schweineställe mit Auslauf.
 
Einsatz von Antibiotika sinkt 
Das weiterentwickelte Gesundheitsmanagement in den viehhaltenden Betrieben hat zu einem starken Rückgang des Einsatzes von Antibiotika geführt. Auswertungen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zeigen, dass die Tierärzte in Deutschland deutlich weniger Antibiotika einsetzen. Demnach sind die Abgabemengen an die Tierärzte zwischen 2011 und 2015 um 51 Prozent gesunken. Bei der Auswertung der Abgabemengen an die Tierärzte kann nicht unterschieden werden, ob die Antibiotika zur Heilung von Nutz- oder Haustieren verschrieben wurden. Dem BVL zufolge lassen sich die gemeldeten Wirkstoffmengen nicht einzelnen Tierarten zuordnen, da die Mehrzahl der Wirkstoffe für die Anwendung bei verschiedenen Tierarten zugelassen ist. Antibiotika werden in der Nutztierhaltung nur eingesetzt, wenn der Tierarzt sie aufgrund einer Diagnose verordnet. Kranke Tiere müssen mit Blick auf den Tierschutz medizinisch behandelt werden, ein vollständiger Verzicht auf Antibiotika in der Nutztierhaltung ist deshalb nicht möglich.
 
Precision Livestock Farming 
Auf der Messe EuroTier 2016 standen sensorgesteuerte, automatisierte Verfahren im Vordergrund. Neben Entscheidungsgrundlagen für den Einsatz von Mensch, Tier und Maschine bietet das sogenannte Precision Livestock-Farming Potenziale für effiziente, emissionsmindernde und ressourcenschonende Verfahren in der Innenwirtschaft. Durch die intelligente Verbindung benutzereigener Daten mit vorhandenen öffentlichen oder durch Drittanbieter bereitgestellter Datenbanken werden neue Perspektiven für ein effizientes Herdenmanagement und eine effektive Betriebsführung eröffnet. Die aktuellen Herausforderungen im Precision Livestock Farming liegen in der Aufbereitung und Nutzbarmachung der anfallenden Massendaten. Gearbeitet wird an der Entwicklung von intelligenten Online-Managementsystemen, die über die Erzeugerstufe hinausgehen und die gesamte Wertschöpfungskette im Fokus haben.
 

 

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